Deutlich mehr Menschen in U-Haft

gefaengnis338_v-zweispaltig
von Christoph Heinzle, Carl-Georg Salzwedel und Elke Spanner

 

Die Zahl der Untersuchungsgefangenen in Deutschland ist seit 2014 um 25 Prozent gestiegen. Besonders stark war der Anstieg in Hamburg. Eine große Rolle spielt dabei die Zunahme bei ausländischen U-Häftlingen - ebenfalls um ein Viertel. Das ergaben Berechnungen des NDR auf Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamtes. Dabei gibt es weniger Straftaten, weniger Tatverdächtige, weniger Verurteilte und weniger Haftstrafen.

Im alten Teil der Hamburger Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis hängen die 100 Jahre Geschichte spürbar in der Luft. Es riecht nach Mensch, Reinigungsmitteln und verbrauchter Luft. Bisher ist nur ein Teil saniert und nach modernen Haftstandards umgebaut worden. Das Gefängnis ist voll. "Einzelne Hafträume, die es von der Raumgröße her zulassen und wo es einen abgetrennten Nassbereich gibt, belegen wir auch doppelt", erzählt Anstaltsleiter Henning Clasen. Auch außerhalb der Zelle spüren die Gefangenen, wie voll das Gefängnis ist. Viele von ihnen wollen arbeiten. Doch zurzeit sind 465 Gefangene in der Haftanstalt - und nur für 120 gibt es Jobs. Auch für die Sportgruppen oder Kochkurse gibt es Wartelisten.

In einer Umfrage des NDR unter allen 16 Justizministerien der Länder werden mehrere mögliche Faktoren für den deutlichen Anstieg bei den Untersuchungsgefangenen genannt: die verstärkte Bekämpfung einzelner Straftaten, lange Verfahren und die zugenommene Zahl ausländischer Tatverdächtiger.

Nach einer Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes für den NDR gab es 2017 unter den in der Strafverfolgungsstatistik erfassten Untersuchungshäftlingen 26 Prozent mehr Ausländer als 2014. Im selben Zeitraum sank die Zahl der Deutschen in U-Haft um acht Prozent. Bei Ausländern wird häufiger auf Fluchtgefahr als Haftgrund entschieden - vor allem, wenn sie keinen festen Wohnsitz und keine sozialen Bindungen in Deutschland haben. In Norddeutschland fiel der Anstieg sehr unterschiedlich aus: Deutlich überdurchschnittlich ist der Anstieg in Hamburg (plus 39 Prozent) und Schleswig-Holstein (plus 37 Prozent). Niedersachsen liegt mit einem Zuwachs von 26 Prozent bei den ausländischen U-Häftlingen genau im Bundesschnitt. In Mecklenburg-Vorpommern stagnierte die Zahl.

Hamburg: 87 Prozent mehr Menschen in U-Haft

Zeitraum: 2014 bis 2018

 

Gefangene in Untersuchungshaft in Hamburg

 

Die Zahlen sind Durchschnittswerte.

Auswertungsdatum von 2014 bis 2018 war der 31. August.

Strafverfahren werden immer komplexer

Ein weiterer Faktor für den Anstieg bei den Häftlingszahlen ist nach Angaben von Justizbehörden, Richtern und Anwälten, dass Ermittlungs- und Strafverfahren in den vergangenen Jahren komplexer und langwieriger geworden seien. Tatverdächtige sitzen nicht selten bis zu einem rechtskräftigen Urteil in U-Haft. Die Zahl der Gefangenen, die länger als sechs Monate in Untersuchungshaft sind, ist seit 2014 um 25 Prozent gestiegen. "Viele wissen nicht, dass man in Deutschland durchaus mehrere Jahre in Untersuchungshaft gehalten werden kann", sagt die Hamburger Strafverteidigerin Iris-Maria Killinger. Vielen ihrer Mandanten mache die Ungewissheit zu schaffen, nicht zu wissen, wie lange sie im Untersuchungsgefängnis bleiben müssen.

Hamburg hat die meisten U-Häftlinge in Relation zur Einwohnerzahl

Auffällig sind die großen regionalen Unterschiede bei der Zahl der Untersuchungsgefangenen. Hamburg hat dabei eine Spitzenstellung. Bezogen auf die Einwohnerzahl hat die Stadt mit weitem Abstand die meisten U-Häftlinge aller Bundesländer. Mehr als doppelt so viele wie der Bundesdurchschnitt und zwei Drittel mehr als Berlin, das den zweiten Rang unter den Ländern einnimmt.

Hamburg hat auch die - nach Bremen - zweitgrößte Steigerung seit 2014 zu verzeichnen. In diesen vier Jahren hat sich die Zahl der Untersuchungsgefangenen in der Hansestadt nahezu verdoppelt. Auswertungen des NDR ergaben ein Plus von 87 Prozent in Hamburg. In Niedersachsen waren es plus 11 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern plus 10 Prozent und in Schleswig-Holstein plus 2 Prozent.